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Von Utopia zum Topos – Masterthesis von Benjamin Schief

 

Von Utopia zum Topos
Utopie beginnt im Kleinen

Masterthesis von Benjamin Schief (2017)

Seit dem Ende des Kalten Krieges sprachen viele Kritiker, vom Ende des utopischen Zeitalters. Haben wir also aufgehört, nach Antworten auf die Frage zu suchen, wie wir uns zukünἀiges Leben in der Gemeinschaft vorstellen?

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen”, stellt der deutsche Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno in seiner „Minima Moralia” fest. Dabei hat diese Aussage bis heute nicht an Wahrheit verloren und solange das richtige Leben nicht erreicht ist, haben Utopien bzw. utopisches Denken, die Chance verdient, beachtet zu werden. Denn sie sind „realer Bestandteil des Emanzipationsprozesses des Menschen” und ermöglichen einen anderen Blick auf „des Menschen Möglichkeiten […], die noch nicht vermessen sind”.

Wie also könnte man den Bewohnern der alten Welt, die neue Welt öffnen? Um mit der Schriftstellerin Ursula Le Guin zu antworten, reicht es vielleicht schon „mit ein paar Gewohnheiten zu brechen, zu erreichen, dass Leute Fragen stellen” und wie Henry David Thoreau feststellt „die Nachbarn aufzuwecken”.

Was also sollen wir tun? Wie wollen wir unser Leben in Zukunft gestalten? Auf diese Frage lässt sich nicht so einfach eine abschließende Antwort formulieren, schon gar keine mit allumfassender Gültigkeit. Aber hilft uns utopisches Denken, Lösungsvorschläge zu dieser Frage zu formulieren? Einhergehend mit dem Zusammenbruch des Realkommunismus 1989/90, dem Ende des Kalten Krieges riefen zahlreiche Kritiker das Ende der Geschichte und zeitgleich das Ende des utopischen Zeitalters aus. Also haben wir aufgehört nach Antworten auf diese Fragen zu suchen und akzeptieren alternativlos was die Kritiker bescheinigen? Haben Utopien ihre Strahlkraft nun endgültig verloren?

Zu Beginn meines Mastersemesters habe ich mich dazu auf die Suche nach Beispielen gelebter Utopien begeben. Initiativen die utopische Experimente und damit Alternativen zum Bestehenden erproben, wurden in Interviews und Gesprächen beleuchtet.

Der Politikwissenschaftler Thomas Schölderle beschreibt Utopien als „in Raum und Zeit unerreichbare Zustände, deren Erreichbarkeit dennoch gedacht werden kann und gedacht werden soll”. Sie soll gedacht werden, „um innerhalb des Wirklichen den Sinn für das Mögliche zu schärfen”. Sie bietet einen Werkzeugkasten, um „Blicke in die Sackgassen des Fortschritts zu werfen und die positiven Möglichkeiten menschlichen Daseins auszuloten”, denn darin verbirgt sich „seit jeher ihre eigentliche Funktion”. Gleichzeitig muss sich utopisches Denken den Ambivalenzen stellen, dass sie zu allen Zeiten „Anstoß und Triebfeder technischer und sozialer Neuerungen [waren] – zum Wohle wie zum Schaden der Menschheit”.

Schölderle betont die Notwendigkeit eines Vorhandenseins von Möglichkeiten, welche durch utopisches Denken aufgedeckt und formuliert werden können. Sie verändern den Blick auf das „Wirkliche” und bleiben nicht auf einer Ebene der bloßen Kritik stehen, sondern formulieren Lösungsvorschläge. Sie sind also konstruktiv und fragen „unablässig nach den institutionellen Bedingungen des menschlichen Daseins und Glücks, nach den Gerechtigkeitsprinzipien seiner Ordnung und nach der Rationalität ihre Umsetzung”. So gesehen sind Utopien Provokationen der Gegenwart, „wecken Bewusstsein, fordern Antworten und suchen Lösungen. Diese Funktionen müssen nicht notwendig von Utopien übernommen werden. Geeignet scheint das Medium dafür aber allemal.“ Der Kontrast zwischen wirklich und möglich verdeutlicht den Mangel des Bestehenden, aber auch das Potenzial des Momentanen, darin liegt die große Kraft utopischen Denkens und ebenso das große Aktionspotenzial, welches von Utopien ausgehen kann.

Benjamin Schief

 

Dokumentation der Masterthesis