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Autarke Systeme –
Diplomarbeit von Sebastian Müllauer

sm1 autark

 

 

Autarke Syteme – Eine Feldforschung
Diplomarbeit von Sebastian Müllauer,
Teil 1, 2010

 

Auf Reisen für und mit Menschen zu gestalten, weiter in die Arbeitsweise und das Handwerk anderer Kulturen einzutauchen wäre die Erprobung eines Lebensentwurfes. Ein Wagnis, welches meine Prägung, Leidenschaften und Erkenntnisse aus Studium und Arbeitswelt verbinden würde. Allein die Aussicht auf dieses Abenteuer weckte in mir ein Gefühl von Freiheit. Die Ideen überschlugen sich in meinem Kopf, in Gedanken war ich bereits unterwegs. In den folgenden Wochen plante ich eine mobile Arbeitsstation bestehend aus zwei Koffern, die alles enthalten sollte was mir auf einer Reise Unabhängigkeit für Arbeit und Leben bieten würde. Währenddessen versuchte ich meine Reiseroute sowie mögliche Stationen zu bestimmen. Ich wollte Distanz zur schnelllebigen Gesellschaft sowie den großen etablierten Gestaltungsnormen halten und damit Raum für freigeistiges und neues Gestalten schaffen. Von den globalen Märkten scheinbar unbeeinflusste Dörfer, in denen altes Handwerk praktiziert wird und die Eigenheiten der jeweiligen Kultur nach wie vor gelebt werden, gerieten in meinen Fokus.

In Berlin hörte ich einen Vortrag von Li Edelkoort, einer renommierten Trendforscherin, in welchem sie unter anderem prophezeite, die zukünftige Gestaltung würde wieder aus den Dörfern kommen und Elemente alter Traditionen aufgreifen. Sie zeigte unkonventionelle Arbeiten von jungen Designern welche in ländlichen Gebieten, abseits der großen Städte ihre Ideen entwickelten. Mit dem Wunsch danach, in Ruhe, Abgeschiedenheit und unter dem Einfluss fremder Kulturen Produkte neuer und andersartiger Qualität zu gestalten, stand ich offensichtlich nicht allein. Ich forschte weiter nach Orten die mir geeignet schienen und stieß auf eine Vielzahl an Parallelgesellschaften überall auf der Welt. Diese erfüllten meine Kriterien, wenngleich sie modernisierte Formen traditioneller Dörfer darstellten.

Diese intentionalen Gemeinschaften* gründen sich auf der Idee eines ökologischen und friedlichen Zusammenlebens. Dabei eint sie das Ziel, eine neue Gesellschaft zu formen, welche sich von alten Denkweisen befreit. Sie wollen ihre Welt aus den bestehenden Strukturen herausheben und neu gestalten. In vielen Aspekten ähneln sich dabei die Ansätze: Architektonische Bauten die mit der Natur verschmelzen, gelebte Spiritualität die das ganzheitliche Bewusstsein erweitert, den Zusammenhalt stärkende Rituale, welche von ideologischen Fundamenten zeugen, auf die sich die neuen Gesellschaften stützen. Bildung genießt einen hohen Stellenwert und wirtschaftliche wie soziale Strukturen entstehen in Anpassung an regionale Eigenheiten und Bedürfnisse. Selbstversorgung unterstützt dabei die zunehmende Unabhängigkeit. Kunst, Bildung, Rituale und Tradition bilden über die Grenzen von Kulturen hinaus eine Einheit.

Eine neu strukturierte, »bessere« Welt, in der weder die Vernichtung der Natur noch das damit verbundene Ende der Menschheit zu fürchten ist, in der ressourcenschonend, sowie in jeder Hinsicht ökologisch und nachhaltig agiert wird, ist für viele Menschen bislang Utopie. Und es liegt im Wesen der Utopie das vorerst Unerreichbare zu sein. So scheitern von Zeit zu Zeit gedankliche Modelle ebenso wie die, die bereits ihren Weg in die Realität geschafft haben. Viele dieser Entwürfe überwinden jedoch auch die Grenzen alter Konventionen und geben Anlass die aktive Mitgestaltung der eigenen Lebensbedingungen als Mittel zum Wandel bestehender Verhältnisse in Betracht zu ziehen. Sie gedeihen zu Leuchtturmprojekten unserer Zeit heran, welche gelebte menschenfreundliche und naturverbundene Lebenskonzepte zeigen.

Aus dem Vorwort von Sebastian Müllauer

 

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TAKU – Mobile Reise- und Forschungsstation
Diplomarbeit von Sebastian Müllauer,
Teil 2, 2010

 

Nach einer Kurzexpedition in das nah gelegene Ökodorf Siebenlinden mache ich mich an die Arbeit an einer mobilen Reise- und Arbeitsstation, welche mich auf der geplanten Reise begleiten soll. Für die Zeit unterwegs gebe ich mir ein Synonym, dass den Forschungsgegenstand meiner Reise widerspiegeln soll. Unter dem Vorhaben »AS« begebe ich mich in meine erwünschte Utopie eines Lebens als reisender Gestalter zwischen Ökodörfern und auf den Spuren regionaler Autarkie. Meine Forschungsstation bekommt die Form zweier Koffer mit verschiedenen Funktionspotentialen und angelehnt an die Utopie »Bolo’bolo« den Namen Taku*.

*Der Autor P.M. gibt in seiner Utopie »bolo‘ bolo« der abschließbaren, personalisierten Kiste, über die jeder »ibu«(Mensch) verfügt, den Namen »taku«. »Über alles was im ›taku‹ Platz hat kann das ›ibu‹ nach eigenem Gutdünken verfügen, der Rest der Erdkugel wird gemeinsam benutzt. Das ›taku‹ ist absolut unantastbar, heilig, tabu, sakrosankt, privat, exklusiv.«

Taku ist Gestaltungsgegenstand einer zunächst imaginären Reise. Sein Funktionsumfang und seine unterschiedlichen Anwendungsszenarien entsprechen verschiedenen, im Vorfeld projizierten Situationen. Die Aussicht auf das Eintreffen dieser, seien sie noch so unwahrscheinlich; ist zugleich unerschöpfliche Quelle an Motivation und Fantasie an seiner Entwicklung. Seine Funktionspotentiale sowie seine Gestalt spiegeln die Persönlichkeit und die gestalterischen Interessen des Schöpfers wieder. Somit hat Taku einen spezifischen Besitzer. Taku ist mein täglicher Begleiter, Freund und Werkzeug. Es soll alles enthalten was ich für meine Reise als mobiler Gestalter benötigen würde. Als eine funktionale Zelle soll es sich in mein temporäres Wohnumfeld eingliedern oder selbst als mobile Architektur entfalten. Es soll sich während der Reise verändern können und als ein Artefakt, fremden Leuten meine Intentionen kommunizieren helfen.

Aus der Konzeptbeschreibung von Sebastian Müllauer

 

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Autarke Systeme für das Youth Center – Arbeiten in Auroville
Diplomarbeit von Sebastian Müllauer,
Teil 3, 2010

 

Am 03.12.2010 erreicht die Unternehmung »AS« Auroville in Südindien. Die Experimentalstadt ist erster Untersuchungsgegenstand und potentieller Wirkungsraum. Ausgangspunkt von AS ist es eine Sensibilität für den Ort zu entwickeln, um dann gestalterisch tätig zu werden. Die geografisch bedingt unterschiedlichen, natürlichen und soziologischen Einflüsse sollen die Funktion und Formsprache der gestalterischen Arbeit beeinflussen. Der Philosophie des Reisens nach stellt sich AS die handwerkliche Arbeit unterwegs wie minimale Interventionen vor. Es könnten zum Beispiel flüchtige Produkte oder Installationen sein, welche nur eine begrenzte Aktualität bzw. Lebensdauer haben. Eine dem Ort adäquate Lösungsfindung und die Nutzung von lokalen Ressourcen stehen hierbei im Vordergrund.

Heterotopien nennt Michel Faucault »Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können«. Im Gegensatz zu den Utopien handelt es sich hierbei um ganz konkrete Orte, die gleichsam Gegenpole oder Widerlager im Alltagsraum darstellen. So wie die Experimentalstadt Auroville eine Heterotopie in Indien darstellt, so könnte man auch das Youth Center als ein Widerlager innerhalb Aurovilles beschreiben. Aus einer rebellischen Bewegung der ersten Generation junger Aurovillianer heraus gegründet, fungiert es bis heute für die Bewohner als ein Ort der Selbstfindung und Orientierung innerhalb Aurovilles, an dem die künstlerische Entfaltung einen hohen Stellenwert genießt. Die hauptsächliche Tagesbeschäftigung ist die experimentelle Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes. Die Gemeinschaft bezieht als Teil der Föderation Auroville ein Grundeinkommen. Voraussetzung sind hierbei eine aktive Mitarbeit am Gemeinwohl und der damit verbundene Aufbau und die Erhaltung Aurovilles. Für AS wird das YC innerhalb der ca. einhundert Nachbarschaften der hauptsächliche Aufenthalts- und Wirkungsraum.

Aus dem Vorwort von Sebastian Müllauer