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Design Education Research

lupe

Kick the virus –
film program for educational purposes only

 

Illustration Peter Daler

 

Superkiosk Superkino …

… unter diesem Titel zeigen wir einige Filme aus unseren Archiven. Wir stellen jeden Tag zwei bis drei Filme unterschiedlicher Länge online, die dann nach 24 Stunden wieder raus sind aus dem Netz!

Filme gegen den stay-at-home-koller, aber für die eine oder andere neue Erkenntnis …

Also: aufgepasst … und dran bleiben

 

 

Ostern 2020

Visages villages – ein poetisches Roadmovie
voller Herzlichkeit und Humor

 

liebe fans des superkino … jetzt haben sich hier in den letzten 12 tagen soo viele filme versammelt, das schafft ja keiner bis zum semesterende anzusehen. oder doch?

jedenfalls schaltet das superkino über ostern einen gang zurück und macht pause …
aber einen geben wir euch noch für die feierlichen tage: den fast letzten film der wundervollen dokumentar-/essay-/film-filmemacherin agnès varda – hier zusammen mit dem street-art-fotografen JR – in Visages Village – einer heiteren, herzlichen und bewusstseins-erweiternden film-collage.

und wer mehr über agnès varda wissen will, findet hier noch einiges im archiv:
Varda par Agnès

 

«Visages villages» – Augenblicke: Gesichter einer Reise
(cc = engl. oder franz. Untertitel)

 

2016 reiste Agnès Varda zusammen mit dem Fotografen JR durch die französische Provinz. Der nur unter seinem Pseudonym bekannte Foto- und Street-Art-Künstler ist seit Jahren darauf spezialisiert, überdimensionale Riesenporträts auf Hauswände, Fabrikmauern oder andere grossflächige Unterlagen zu kleben. Mit dem zum Foto- und Sofortdrucklabor umgebauten Lieferwagen des Künstlers als Rückzugsort erlebt das ungleiche Paar – er ist 33, sie 88 – an den unterschiedlichsten Orten bezaubernde Zufallsbegegnungen, philosophiert über das Werk der Grande Dame der Nouvelle Vague und schafft es mit viel Witz und kindlicher Neugier, die Welt neu zu entdecken.

Agnès Varda, die 2019 mit 90 Jahren in Paris starb, erweist sich hier noch einmal als luzide, verspielte und vor kreativen Einfällen nur so sprühende Visionärin der Vergänglichkeit und des Kinos.

aus: Neue Züricher Zeitung

 

 

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Donnerstag, 9.4.2020

Fuck the context: Mega Structure reloaded
Von Koolhaas zu Constant und retour

 

Sich kontextuell zu verhalten bedeutet keineswegs sich der Umgebung anzugleichen, sondern kann auch das Gegenteil implizieren, zu kontrastieren, komplettieren, fragmentieren, auflösen, invertieren, … Worin besteht der Kontext, auf den es zu reagieren gilt? Wo liegt das räumliche Potenzial? Wie kann man heute ohne traditionell regionalistischen Reflex kontextuell entwerfen? Welche Rolle spielt die Mobilität, die Erreichbarkeit, die Vernetzung? Welche Identitäten, Qualitäten und Entwicklungen gilt es wiederzuentdecken, neu zu installieren, auszubauen oder welchen gilt es entgegenzuwirken? Fuck the context! 

Rem Koolhaas

 

Rem Koolhaas – A Kind Of Architect (2005)

 

Rem Koolhaas (*1944)– niederländischer Architekt und renommierter Vertreter zeitgenössischer Architektur arbeitete Ende der 1960er Jahre zunächst als Journalist bei dem Wochenmagazin Haagse Post, das in dieser politisch und kulturell bewegten Zeit mit neuen Formen des Journalismus experimentierte. Er interviewte für die Haagse Post unter anderem den Künstler Constant, der mit seinem utopischen Architekturprojekt New Babylon entscheidenden Einfluss auf Koolhaas ausübte.

Nach dem Architekturstudium – 1968 bis 1972 an der Architectural Association School of Architecture (AA) in London gründete Koolhaas zusammen mit Madelon Vriesendorp, Elia Zenghelis und Zoe Zenghelis 1975 das Architekturbüro Office for Metropolitan Architecture (OMA). Mit architekturtheoretischen Schriften, Lesungen und Beteiligungen in Kommissionen spielt das OMA seit seiner Gründung eine wichtige Rolle in der weltweiten Architekturdiskussion.

Eines seiner einflussreichsten Bücher ist Delirious New York: A Retroactive Manifesto of Manhattan, das 1978 erschien und in dem er versucht, die implizite urbane Philosophie von Manhattan darzustellen. Die Dichte der Großstadt und ihre verwirrende innere Widersprüchlichkeit in ästhetischer, sozialer und kultureller Hinsicht machen nach Koolhaas’ Ansicht deren Reiz und Qualität aus. Ein typisches Merkmal seiner Bauten ist ihre collagenartige und labyrinthische Konzeption. In ihnen verbinden sich verschiedene Ästhetiken und Funktionen oder prallen aufeinander. Koolhaas geht es dabei um die Funktion des Bauwerks als „sozialer Katalysator“, also um die bewusste und oft auch provokative Beeinflussung sozialen Verhaltens durch Architektur.

 

constant koolhaas

 

In den letzten Jahren wuchs das Interesse an den Situationisten. Einige ihrer grundlegenden Texte wie „Die Gesellschaft des Spektakels” von Guy Debord oder „The Revolution of Everyday Life” von Raoul Vaneigem sind erst kürzlich ins Englische übersetzt oder neu verlegt worden. Auch der Beitrag von Constant Nieuwenhuys, einem weiteren Situationisten, wurde anlässlich einer grossen Ausstellung im Rotterdamer Witte de With von Mark Wigley neu publiziert: Constants „New Babylon – The Hyper-Architecture of Desire”.

Wie kaum überraschen kann, wird verschiedentlich auch über den Einfluss der Situationisten auf Rem Koolhaas spekuliert.

Tatsächlich hatte Koolhaas, bevor er die Entscheidung traf, Architekt zu werden, bereits zwei bemerkenswerte Karrieren hinter sich: Eine als Journalist, eine weitere als Filmemacher. Für ein besseres Verständnis seiner Beziehung zu Constant lohnt ein Blick auf den Kontext der 60er Jahre, als sich ihre Aktivitäten überschnitten haben. …

aus: Bart Lootsma Koolhaas,
Constant und die Niederländische Kultur der 60er Jahre

 

 

Constant – New Babylon
Gemeentemuseum, Den Haag, Ausstellung 2016

 

„New Babylon“ nannte der Niederländer Constant sein Modell einer Stadtutopie, die dem spielerischen Menschen gewidmet ist.

„New Babylon ist kein Projekt der Stadtplanung, sondern eine Art des Denkens, des Imaginierens, eine Blickweise auf die Dinge und das Leben. New Babylon ist die Welt des Homo Ludens, die Welt des spielerischen Menschen. Es ist eine Art Gesellschaftsmuster, das den Gedanken permanenter Veränderungen und Transformationen mit einbezieht.“
Constant

 

 

 

 

Der niederländische Künstler Constant Nieuwenhuys (1920–2005), vor allem bekannt unter dem Namen Constant, war Teil der Künstlerbewegung Cobra. Er drückte seine Ideen in einem der größten und visionärsten künstlerischen Projekte in der Nachkriegszeit aus. Sein Projekt „New Babylon“, an dem er etwa 20 Jahre lang arbeitete, ist nach wie vor eine große Inspirationsquelle.

Constant erlebte den Wiederaufbau Europas im Nachklang des Zweiten Weltkriegs und wurde in den 1950er-Jahren Zeuge neuer Automatisierungsformen, die die Gesellschaft stark verändern sollten. Aus seiner Feder stammen Architekturmodelle, Karten, Malereien, Kleinkonstruktionen, Drucke, Filme, Texte, temporäre Installationen und Vorträge, die der Welt zeigen sollten, wie eine potentielle Zukunft aussehen könnte. Constant glaubte daran, dass, sobald der Mensch von seiner auferlegten Arbeit befreit würde, sich die Gesellschaft verstärkt zu einer Gesellschaft des Homo Ludens (dem spielenden Menschen) entwickeln könne, in der jeder seine individuellen kreativen Ausprägungen ausleben könne.

 

Constant. New Babylon

 

Constant. New Babylon
Published 2016

Constant. New Babylon brings together a selection of works that Constant held in the framework of this project, whose realization and materialization has turned into a wide range of expressive means (architectural models, drawings, watercolors, prints, collages, modified maps, films, slides…), as well as an intense theoretical activity in the form of texts and lectures, with three representative examples in this catalog. There are also texts by Laura Stamps, Pedro G. Romero, Mark Wigley and a conversation between Rem Koolhaas and Pascal Gielen, among others.

 

OMA

 

Rem Koolhaas/OMA
Published 2020

Creator of buildings that stand out as surrealistic merveilles along the skylines of America, Europe and Asia ; author of Delirious NewYork, the book that has revolutionized the reading of the contemporary metropolis ; leader of the current generation of architects, Rem Koolhaas with his Office for Metropolitan Architecture (OMA) is justly considered as the most important protaganist of contemporary architecture. This first critical monograph of the work of Rem Koolhaas and OMA does more than just describe projects and buildings, it places his career in a cultural context that allows the reader to better understand the creative process of modern architecture. The works are presented in chronological and thematic order, thus retracing the career of Koolhaas from his student days to his neo-avantgarde experimentation at the end of the 1970s …

 

 

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Mittwoch, 8.4.2020

… stattdessen Rams

 

Heute hat unser Kino Ruhetag, aber dafür möchte ich euch auf diese Seite des amerikanischen Dokumentarfilmers Gary Hustwit lenken, der dort für einige Tage seinen im letzten Jahr erschienenen Film „Rams” zeigt. Dieter Rams wird hier als seine eigene lebende Legende präsentiert – das ist partiell auch etwas unfreiwillig tragikomisch. Aber machen Sie sich selbst ein Bild …

 

Dieter Rams – Hohepriester des Designs und seine zehn Gebote

 

Zum Film …

 

Filmmaker Gary Hustwit has decided to stream his films for free worldwide to viewers staying indoors during the COVID-19 crisis. We’ll be streaming a new film every week. We hope you enjoy them, and please stay strong.

April 7 to April 14: Rams
Rams (2018, 74 minutes) is the new documentary by filmmaker Gary Hustwit (Helvetica) about legendary designer Dieter Rams. For over fifty years, Rams has left an indelible mark on the field of product design with his iconic work at Braun and Vitsoe, and his influence on Apple. So at 87 years old, why does he now regret being a designer? “Rams” is a design documentary, but it’s also a rumination on consumerism, materialism, and sustainability. Dieter’s philosophy is about more than just design, it’s about a way to live. The film also features an original score by pioneering musician Brian Eno.

 

 

 

Dienstag, 7.4.2020

The triple „I” – Information, Interpretation, Intervention

 

Tag 9 im Superkino dreht sich um diese Fragen: Wissen aus Informationen zu generieren, Daten zu interpretieren und schliesslich handelnd einzugreifen – sind das nicht Kernaufgaben des Designs? Eine Antwort könnten die folgenden Beispiele geben – für die Vermittlung, Darstellung und Interpretation von Information bis hin zur Intervention – von Richard Saul Wurman über Hans Rosling bis zu den Yes Men.

 

The first „I” = Information

 

„Information anxiety is the black hole between data and knowledge, and it happens when information doesn’t tell us what we want or need to know.”

Exactly what is an information architect?
„Someone who enables data to be transformed into understandable information.”

Richard Saul Wurman

 

Richard Saul Wurman – Jahrgang 1935 – ist ein amerikanischer Architekt und Kommunikationsdesigner, der nicht nur den Begriff „Informations-Architekt” geschaffen hat, sondern vorallem mit seinem Lebenswerk inhaltlich gefüllt.

Wurman hat fast hundert Bücher zu unterschiedlichen Themen geschrieben, gestaltet und veröffentlicht. Dazu gehören die Notizbücher und Zeichnungen von Louis I. Kahn (1963) und What Will Be Has Always Been (1986), die bahnbrechende Sammlung der Worte Kahns.

Zu den für Gestalter interessantesten Büchern gehören neben Wurmans kartenorientierten und infographischen Reiseführern auch die Reihe Access travel (beginnend mit Access/LA 1980), mehrere Bücher über das Gesundheitswesen und Understanding USA (1999).

Wurmans einflussreiche Reihe Information Anxiety wurde 1989 veröffentlicht, mit einer zweiten Auflage im Jahr 2000. Zu seinen Büchern über Informationsarchitektur und Informationsdesign gehören Information Architects (1996) und UnderstandingUnderstanding (2017).

Wurman leitete 1972 die IDCA-Konferenz, 1973 die First Federal Design assembly und 1976 die jährliche Konferenz des American Institute of Architects (AIA). Er entwickelte und leitete einige der heute bekanntesten Konferenzen: TED von 1984 bis 2003, TEDMED von 1995 bis 2010 und die WWW-Konferenz.

 

 

 

 

Richard Saul Wurman: On Cities

 

 

Richard Saul Wurman: The journey begins here

Richard Saul Wurmans grösste Leidenschaft ist es, Informationen verständlich zu machen.

Jedes seiner Bücher konzentriert sich auf ein Thema, das er selbst nur schwer verstand. Alle diese Bücher entstanden also eher aus seinem Wunsch zu wissen, anstatt bereits zu wissen, eher aus seiner Ignoranz als seiner Intelligenz, eher aus seiner Unzulänglichkeit als seiner Fähigkeit.

 

inf_anxiety

 

Der Bestseller Information Anxiety, ist ein Überblick über Motive und Prinzipien, die er in seinen früheren Werken entdeckt hat.

 

 

understanding

 

Buch blättern oder als PDF weiterlesen

 

Wenn ein Bild wirklich mehr als tausend Worte sagt, dann ist Understanding USA eines der umfassendsten Nachschlagewerke, das je geschrieben wurde. Jede Seite ist vollgepackt mit klaren, einfachen Grafiken, die dazu dienen, riesige Mengen an Informationen in leicht verdauliche Bits aufzuschlüsseln. Nahezu jedes Thema, das die USA in großem Umfang betrifft, wird hier behandelt: finanzielle, soziale und politische Statistiken werden in ziemlich klar umrissenen Kapiteln dargestellt.

 

 

Part 1

 

TEDxBrooklyn 2010 – Richard Saul Wurman and Kurt Andersen
by TEDx Brooklyn

Spurred by the dance between his curiosity and ignorance, Richard Saul Wurman has sought ways to make the complex clear. He has now written, designed and published 82 books on topics ranging from football to health care to city guides, but he likes to say that they all spring from the same place – his ignorance.

Wurman created the TED conference in 1984, bringing together many of America’s clearest thinkers in the fields of technology, entertainment and design. He continues to co-chair the annual TEDMED meetings.

 

Part 2

 

 

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The second „I” = Interpretation

 

Hans Rosling:
Don’t just show the notes, play the music!

Daten und Informationen sind nicht langweilig. Der Schlüssel ist die Auswahl der geeigneten (und genauen) Daten, um eine Nachricht wirkungsvoll zu unterstützen. Es kommt aber auch darauf an, wie Daten zum Leben erweckt werden, nämlich indem ihnen Kontext und Bedeutung verliehen wird. Ein Meister der Darstellung von Daten in Live-Auftritten war der schwedische Arzt und Wissenschaflter Hans Rosling.

 

Hans Rosling and the magic washing machine (2011)

 

Hans Rosling on global population growth (2010)

 

Hans Rosling’s 200 Countries, 200 Years, 4 Minutes (2010)

 

Hans Rosling – Der Regisseur der Zahlen
Spiegel Online 28.2.2010

Hans Rosling hat eine Mission. Der Professor für Internationale Gesundheit vom Karolinska-Institut in Stockholm will nicht die Welt verändern, aber den Blick, den die Menschen auf sie haben. Er will, dass sie ihre Vorurteile ablegen. Etwa jenes, dass die Welt sich simpel in arme Entwicklungsländer und reiche Industriestaaten unterteilen ließe. Viele Entwicklungsländer hätten längst große Fortschritte gemacht, sagt der Mediziner. Und er inszeniert seine Botschaft – „Das scheinbar Unmögliche ist möglich” – gern so dramatisch, dass die Zuschauer sie nicht so schnell vergessen.

weiterlesen unter …
spiegel.de/wissenschaft/technik

 

Hans Rosling
One of „The 100 Most Influential People in the World”
Time Magazine Apr. 18, 2012

Hans Rosling trained in statistics and medicine and spent years on the front lines of public health in Africa. Yet his greatest impact has come from his stunning renderings of the numbers that characterize the human condition.

Read more:
time.com/time/specials/packages/article

 

fact

 

Vielleicht ist dieses Buch heute wichtiger, denn je. Alles wird immer schlimmer, eine schreckliche Nachricht jagt die andere: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Es gibt immer mehr Kriege, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen. Viele Menschen tragen solche beängstigenden Bilder im Kopf. Doch sie liegen damit grundfalsch.

Unser Gehirn verführt uns zu einer dramatisierenden Weltsicht, die mitnichten der Realität entspricht, wie der Statistiker und Wissenschaftler HR erklärt. Wer das Buch gelesen hat, wird ein sicheres, auf Fakten basierendes Gerüst besitzen, um die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, wird die zehn gängigsten Arten von aufgebauschten Geschichten erkennen und kann bestenfalls jene offene, neugierige und entspannte Geisteshaltung entwickeln, in der nur Ansichten geteilt und Urteile gefällt werden, die auf soliden Fakten basieren.

Hans Rosling starb 2017 an Krebs.

 

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The third „I” = Intervention

 

Manchmal braucht es eine Lüge, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

 

 

Die Yes Men regeln die Welt (2009)

Sometimes it takes a lie to expose the truth.

„At an international conference in Austria, about the importance of free markets, we [posing as representatives of The World Trade Organization] said we have a giant free market, it’s called democracy, and the only problem is that corporations can’t buy and sell votes, we want to open a free market and democracy by allowing people to sell their votes to the highest bidder. The audience of highly educated lawyers and government officials said, „You’re right. Great idea. Let’s implement it. Let’s figure out how to do it.“ And they just accepted it because it stayed within their logic of the free market.”

The Yes Men

 

The Yes Men sind eine Netzkunst- und Aktivistengruppe, die Kommunikationsguerilla betreibt und mit einer Fälschung der Website der WTO bekannt wurde. Mitglieder der Gruppe geben sich als Repräsentanten internationaler Konzerne oder Institutionen aus und karikieren mit übertriebenen Forderungen auf Konferenzen deren Ziele (Überidentifikation). Sie selbst bezeichnen dies als „Identitätskorrektur“ („identity correction“).

siehe auch: Die Hochstapler, Brand eins

und: theyesmen.org

 

 

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Montag, 6.4.2020

Making meets technology, construction meets geometry

 

Tag 8 unseres Superkinos führt uns zu den Kernfeldern des Entwerfens – zum explorativen Probieren, Erforschen und Anwenden neuer Technologien und Materialien unter dem Primat konstruktiver Intelligenz und der Suche nach der angemessensten Gestalt für die plausibelste Nutzbarkeit … kuratiert wiederum nach streng subjektiven Kriterien begegnen wir Gegenwart und Geschichte, Nachkommen und Vorfahren.

 

 

 

Einführung: Mateo Kries über Neue Technologien im Möbeldesign

Mateo Kries berichtet über die Rolle von Technologien an Exponaten aus der umfangreichen Materialbibliothek des Schaudepots. Die Materialvielfalt im Möbeldesign ist schier unüberschaubar – sie reicht vom Sessel aus Pappmaché bis hin zu weltraumerprobten Materialien wie Carbonfaser oder Aramid. Zu den wichtigsten Materialgruppen zählen Holz, Metall und Kunststoffe, die in unterschiedlichsten Formen und Verbindungen zum Einsatz kommen. Das Vitra Schaudepot Lab im Untergeschoss des Vitra Schaudepots gibt einen Einblick in diese Vielfalt und in die Entwicklungsprozesse, die von der ersten Entwurfsidee bis zu einem fertigen Produkt führen. Oft beginnt diese Entwicklung im Atelier des Designers und basiert auf Zeichnungen, Modellen und Experimenten. Aber auch das jeweilige Produktionsverfahren – ob im industriellen oder handwerklichen Kontext – prägt die Form und die Details eines Objekts.

 

 

 

Oskar Zieta demonstriert die FIDU Technology am Hocker Plopp (2008)

Anlässlich eines Jour Fixe 2008 am Fachbereich Design der Burg erklärt uns der polnische Designer und Konstrukteur Oskar Zieta die „Freie Innendruck Umformung” – kurz FIDU Technologie genannt – und demonstriert diese am Hocker Plopp.

 

 

 

Printstool von Thorsten Franck für Wilkhahn (2016)

Der  PrintStool ist ein klassischer bikonischer Hocker in Form einer Sanduhr, der in einer Anzahl von geometrischen Mustern erhältlich ist und Dank seiner Form der Bewegung des Nutzers folgt. Allerdings war die Entscheidung für eine solch klassische Form nicht wahllos – ganz im Gegenteil: „Mit seiner bikonischen Form hat er eine sehr stabile Struktur”, erklärt Thorsten Franck, „und dennoch eine kleine Oberfläche, was ihn ideal zum 3D-Drucken bei geringem Materialaufwand macht.”

Das Objekt mit minimalem Materialaufwand zu realisieren, ist eine wichtige Komponente von Thorsten Francks Designverständnis: „Da uns heutzutage nur begrenzt Materialien zur Verfügung stehen, müssen wir sie bewusster nutzen. Wir müssen neue Systeme erwägen, neue Materialien. Dank des 3D-Drucks gibt es völlig neue Möglichkeiten, wie Objekte wachsen können”, führt Thorsten weiter aus, „das lässt sich vielleicht mit der Philosophie Frei Ottos vergleichen. Er arbeitete mit gespannten Oberflächen und Dynamik anstatt mit statischen Materialien wie Beton”.

 

 

 

Studio 7.5 – Making of Setu (2009)

Das Berliner Designbüro „Studio 7.5” ist ein lohnender Geheimtip, wenn es um Einblicke in komplexe Design- und Entwicklungprozesse geht. Seit Jahren arbeitet das Team um Burkhard Schmitz, Carola und Roland Zwick – von der Presse weitgehend unbehelligt – für das amerikanische Möbelunternehmen Herman Miller – und lotet hier bislang mit jedem Entwurf die möglichen Innovationspotentiale in Konstruktion und Gestaltung von dynamischen und flexiblen Möbeln aus. Zur Erinnerung: für Herman Miller haben auch Charles und Ray Eames ihre bahnbrechenden Entwürfe gemacht – und dass die Eames zu den Helden der „Siebenhalber” gehören, muss nicht verschwiegen werden.

Dreh- und Angelpunkt des Setu-Konzepts ist ein „Kinematic Spine”, eine Kombination aus zwei Polypropylenmaterialien, deren raffinierte Verarbeitung für spontanen Sitzkomfort sorgt. Der Rücken wird von dem Moment an, in dem man auf einem Setu Platz nimmt, rundum gestützt, wobei die flexible Rückenlehne gleichzeitig maximale Bewegungsfreiheit lässt. Der Stuhl ist ein minimalistisches Meisterwerk: Er verfügt zwar über eine Höheneinstellung, kommt jedoch ohne Neigungsmechanismus aus, sodass die Anzahl der Komponenten möglichst gering gehalten wird.

 

 

 

Studio 7.5 – Designing a Flying Carpet: Cosm (2018)

„Wir wollten nicht wieder einen Stuhl machen. Unsere Idee war viel mehr, eine Erfahrung zu vermitteln, die Erfahrung der Schwerelosigkeit. Der Codename des Projekts lautete also Flying Carpet. Die Idee war, so unterstützt zu werden, dass man sich voll auf seine Aufgabe konzentrieren und dabei die Schwerkraft vergessen kann. Wir wollten unser gesamtes Wissen über Ergonomie und Komfort nutzen, nicht in mechanistischem Sinne, sondern auf eine Art und Weise, die sehr entspannt ist und sozusagen ohne visuelle Spuren daherkommt. Unser Wunsch war es, in Konstruktion und Gestaltung so viel Komfort wie möglich ohne jedes Aufhebens einzubeziehen. Man spürt den Komfort, aber man muss sich nicht aktiv darum kümmern.”

 

 

 

Studio 7.5 – Metaform Portfolio for HermanMiller (2017)

Ebenfalls für für Herman Miller hat Studio 7.5  ein hoch flexibles Bürosystem aus leichtgewichtigen „mono blocks” entwickelt. Die kompakten, geschäumten Bauteile lassen sich leicht von einer Person tragen und flexibel im Raum positionieren.

„Metaform Portfolio™ ist ein universelles Betriebssystem, das sich zur Unterstützung einer Vielzahl von Berufen und Arbeitsstilen eignet. Bei der Beobachtung heutiger Arbeitsstile in einer Vielzahl von Berufen haben wir festgestellt, dass Menschen neben der Verwendung universeller Werkzeuge wie Computer und Laptops typischerweise auch von physischen Artefakten umgeben sind, die entweder der Inhalt ihrer Arbeit, wesentliche Werkzeuge und Instrumente ihres Berufes oder eine inspirierende räumliche Textur für Erinnerungen sind. Um diesen vielfältigen Bedürfnissen gerecht zu werden, ermöglichen metaformTools eine mühelose Anpassung des Arbeitsplatzes in einer Weise, die vorher nicht möglich war.” 

 

 

 

 

Studio 7.5 – metaformTools (2017)

Die metaformTools sind quasi die spezifischen Apps, die das Metaform Betriebssystem sinnvoll ergänzen. Durch den Einsatz von Additive Manufacturing können spezielle Bedürfnisse spontan beantwortet werden: Die Werkzeuge werden auf Anfrage in 3D gedruckt, wobei eine große Vielfalt an Materialien, Farben und Texturen es erlaubt, die Bestellung stark zu individualisieren. Haben Benutzer die Möglichkeit, selbst 3D zu drucken, können sie die Geometrie herunterladen und das Produkt dezentral herstellen. MetaformTools.com bietet Plattform und Community zum Austausch von Ideen zu Anwendungsfällen und Werkzeugen.

 

 

 

Querverweise, Nachbarschaften und Geschichte

 

 

Eames – Fiberglass Chairs (1955)

Selten war eine Idee in der Geschichte des modernen Stuhls so folgenreich wie die Entwicklung des Kunststoffstuhls durch Charles und Ray Eames. Der Stuhl Nr. 14 von Thonet hatte im 19. Jahrhundert eine enorme Breitenwirkung entwickelt und Marcel Breuer, Mart Stam und Ludwig Mies van der Rohe hatten mit dem Einsatz von Stahlrohr für ihre Entwürfe in den 1920er-Jahren die Produktion und Ästhetik des Stuhls in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verändert.

Der Kunststoffstuhl von Charles und Ray Eames, der auf einer Idee aufbaute, die Charles für die «Low Cost Competition» des Museum of Modern Art von 1948 entwickelt hatte, führte mit Kunststoff – genauer gesagt: mit Fiberglas verstärktem Polyester – ein bisher für Möbel nicht verwendetes Material ein. Er präsentierte eine neue Form des Stuhls – den Schalensitz – und ersetzte die Vorstellung, dass ein Stuhl ein untrennbares Ganzes von Sitz und Untergestell sei, durch die Möglichkeit der Verbindung von Sitzschalen mit unterschiedlichen Untergestellen.

So entstand eine Stuhlfamilie, die dank ihrer Kombinationsmöglichkeiten fast jeden Einsatzbereich abdeckte – zuhause, im Büro und im öffentlichen Bereich. Stühle zum Arbeiten, Esszimmerstühle, Stühle für grosse Säle, niedrige Stühle, Schaukelstühle, Hörsaalbestuhlung, Stapelstühle, gepolsterte und ungepolsterte Stühle, Stühle in vielen Farben, Wartestühle etc.

Das Konzept der Fiberglass Chairs dominierte die folgenden Jahrzehnte. Erstaunlich ist dabei, dass die Stühle von Charles und Ray Eames nicht nur Wegbereiter waren, sondern trotz der gestalterischen Zurückhaltung der Eames eine Formensprache ausweisen, die sich von den unzähligen Entwürfen, die andere Designer in den Folgejahren für diese Typologie entwickelten, klar unterscheidet und uns bis heute anspricht.

 

 

 

Jean Prouve – Compas (1953)

Obwohl Prouvé weder Architekt, noch Designer war gelang es ihm, insbesondere im Bereich temporärer und aus Fertigteilen montierbarer Architektur eine richtungsweisende Rolle zu spielen sowie neuartige Möbellösungen zu etablieren. Sein zentrales Bemühen war es, Produktionstechniken aus der Industrie auf die Architektur zu übertragen, ohne dabei die ästhetische Qualität des Ergebnisses aus den Augen zu verlieren. Er gilt als einer der herausragenden europäischen Konstrukteure.

Für Jean Prouvé war Metall der bevorzugte Werkstoff. Über profunde Materialkenntnisse und geschickten Einsatz von Verbindungstechniken gelang ihm jedoch auch eine perfekte Kombination mit Holz. Er bevorzugte eine „Sichtbarmachung“ der auftretenden Kräfte und setzte Materialien in einer ihm typischen, zum Teil überdimensionierten, Art und Weise ein.

Bekannte Architekten und Designer berufen sich auf Jean Prouvé als Vorbild, der sie durch sein Werk inspiriert hat, unter ihnen Renzo Piano, Jean Nouvel und Norman Foster.

„In Jean Prouvé vereinigen sich Architekt und Ingenieur, richtiger noch, Architekt und Baumeister, denn alles, was er anfasst und gestaltet, bekommt sofort eine elegante und plastische Form, mit glänzend verwirklichten Lösungen in Bezug auf Haltbarkeit und industrielle Fertigung.“ (Le Corbusier)

 

 

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Samstag/Sonntag, 4. & 5.4.2020

The Chairman
oder das lange Wochenende der Stühle

 

Tag 6+7 unseres Superkinos führt uns nach Weil am Rhein und dort treffen wir …
Rolf Fehlbaum – einen „Chairman” im doppelten Sinne – emeritierter Vorsitzender (Chairman Emeritus) der Vitra AG und wahrscheinlich der grösste Sammler von Sitzmöbeln weltweit. Fehlbaum leitete das Unternehmen Vitra, das er als «kulturell-wirtschaftliches Projekt» begreift, von 1977 bis 2013.

Unter seiner Führung entwickelte sich Vitra zu einem bekannten Möbelunternehmen – durch die Zusammenarbeit mit bedeutenden zeitgenössischen Designern – aber vielleicht noch mehr durch den Ausbau des Produktionsstandortes im süddeutschen Weil am Rhein zum Vitra Campus, einem Ort, an dem viele heute weltberühmte Architekten zum Teil ihre ersten Gebäude in Europa errichten konnten.

 

 

Making Space – Architektur-Rundgang Vitra Campus (2018)

Anfang der 1980er Jahre beauftragte Rolf Fehlbaum den Architekten Nicholas Grimshaw mit der Entwicklung eines Masterplans für das Gelände. Seither entstanden auf dem Vitra Campus Bauten von so unterschiedlichen Architekten wie Frank O. Gehry (Vitra Design Museum und Fabrikationshalle, 1989), Zaha Hadid (Feuerwehrhaus, 1993), Tadao Ando (Konferenz-Pavillon, 1993), Alvaro Siza (Fabrikationshalle, 1994), Herzog & de Meuron (VitraHaus, 2010) sowie SANAA (Produktionsgebäude, 2011). Viele der Architekten wurden von Fehlbaum beauftragt, bevor sie sich zu jenen internationalen «Stars» entwickelten, als die man sie heute kennt. Seine Wahl in die Jury des Pritzker-Preises, der er von 2004 bis 2010 angehörte, zeigt die Anerkennung seines Engagements für die zeitgenössische Architektur.

 

 

Chair Times (2018)
Film Heinz Bütler

Der Film Chair Times ist ein Parcours durch ein «Meer der Stühle»: 125 Objekte von 1807 bis zu jüngsten Entwürfen aus dem 3D-Drucker sind im Vitra Schaudepot, in der Reihenfolge ihrer Produktionsjahre, zu einer Timeline des modernen Sitzmöbeldesigns aufgestellt.

Mit Beiträgen von: Rolf Fehlbaum, Mateo Kries, Ronan Bouroullec, Christian Brändle, David Chipperfield, Antonio Citterio, Jochen Eisenbrand, Ulrich Fiedler, Hella Jongerius, Amelie Klein, Serge Mauduit, Peter Noever, Arthur Rüegg, Leonie Samland, Ruggero Tropeano

 

 

Zeitreise

Rolf Fehlbaum und Mateo Kries im Gespräch über die Sammlung von Sitzmöbeln.

 

 

Lucky Plucky Chairs
Maira Kalman im Gespräch mit Rolf Fehlbaum

Der Autor Rolf Fehlbaum und die Künstlerin Maira Kalman bei der Besprechung ihres neuen Buches „The Lucky Plucky Chairs”, einer charmanten Geschichte über acht alte Thonet-Stühle, die ihrem Untergang entgehen und glücklich in eine größere Welt ikonischer Stühle eingeführt werden, darunter der Tulip Chair von Eero Saarinen, der Zig Zag Chair von Gerrit Rietveld und der LCW – Lounge Wood Chair von Charles & Ray Eames neben anderen Klassikern.

 

 

Was Stühle erzählen

Rolf Fehlbaum, Chairman Emeritus von Vitra, führt uns auf dieser Reise durch das Universum der Sitzmöbel: von Thonet bis zu digitalen Technologien, von Alvar Aalto bis zur Frage, was Stühle erzählen.

 

 

Panton Chair

Der Panton Chair ist ein Klassiker der Möbelgeschichte. Verner Panton entwarf den Stuhl 1960 und entwickelte ihn gemeinsam mit Vitra zur Serienreife (1967). Es war der erste aus einem Stück gefertigte Vollkunststoff-Stuhl. Seit seiner Einführung hat er mehrere Produktionsphasen durchlaufen. Aber erst seit 1999 kann der Stuhl seiner Grundidee entsprechend produziert werden – aus durchgefärbtem, strapazierfähigem Kunststoff mit mattglänzender Oberfläche.

 

 

Chairless

Chairless ist ein einfaches Hilfsmittel zum Sitzen – ein zu einer Schlaufe verbundenes Textilband von 85 cm Länge und 5 cm Breite, das um Rücken und Knie gewickelt werden kann, um den Körper zu stabilisieren und Verspannungen zu lösen, während man sitzt.

Chairless basiert auf einem von den Ayoreo-Indianern üblicherweise verwendeten Sitzgurt. Der Nomadenstamm, der in der Region Gran Chaco (Grenzregion zwischen Paraguay und Bolivien) lebt, verwendet seit jeher ähnliche Textilgurte als Sitzhilfe. Der chilenische Architekt Alejandro Aravena stieß auf den Sitzgurt und erkannte sein Potenzial. In Zusammenarbeit mit Vitra entwickelte er Chairless zu einem Produkt.

 

 

VitraHaus von Herzog de Meuron (2010)
Film Richard Copans

Im VitraHaus werden die Möbel der Home Collection in inspirierenden Arrangements erlebbar gemacht. Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben bei ihrem Entwurf auf die Form des Urhauses zurückgegriffen: Häuser mit Giebeldach haben sie in die Länge gezogen, ineinander gestapelt und an den Stirnseiten mit mächtigen Fenstern verglast.

Die Auskragungen der einzelnen 12 Häuser schweben bis zu 15 Meter übereinander und ergeben einen „Häuserhaufen“, der beinahe chaotisch anmutet. Mit 57 Metern Länge, 54 Metern Breite und 21,30 Metern Höhe überragt das VitraHaus die übrigen Gebäude des Campus und gibt einen Überblick über Umgebung.

Das VitraHaus hat eine Tages- und eine Nachtansicht: Tagsüber sieht man aus dem VitraHaus in die Landschaft, bei Dunkelheit strahlt das Gebäude von innen, während seine eigene Form sich auflöst.

 

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Freitag, 3.4.2020

Lichtblicke – Vom Pathos zum Topos

Tag 5 im Superkiosk Superkino … steht im Zeichen künstlerischer und gestalterischer Leidenschaft für die Inszenierung von Licht und seiner Wahrnehmung … signifikant in den Bauten des Architekten Louis Kahn und in nahezu körperlicher Präsenz atmosphärisch-sinnlich in den Installationen James Turrells.

 

 

(cc ermöglicht das Zuschalten von englischen Untertiteln)

 

Louis Kahn – My Architect: A Son’s Journey
Film von Nathaniel Kahn (2003)

Der amerikanische Architekt Louis Kahn (1901-1974) gilt als einer der großen Baumeister des 20. Jahrhunderts. Mit komplexen Raumkompositionen und einer meisterhaften Licht-Choreographie schuf Kahn Bauten von archaischer Schönheit und universaler Symbolkraft. Zu seinen wichtigsten Werken gehören das Salk Institute im kalifornischen La Jolla, das Kimbell Art Museum im texanischen Fort Worth und das Parlament von Bangladesch in Dhaka.

Louis Kahn zählt neben Frank Lloyd Wright, Le Corbusier oder Mies van der Rohe zu den größten Architekten des 20. Jahrhunderts. Er starb im März 1974 auf der Rückreise aus Bangladesch auf der Toilette von Penn Station in New York.

Dort beginnt der Film „My Architect” von Nathaniel Kahn, in dem er auf Spurensuche nach Werk und Wesen des ihm fremden Vaters geht. Auf einer Reise rund um die Welt sucht er jene Zeitzeugen, die Kahn kannten und mit ihm arbeiteten. Er reist zu den Gebäuden aus Beton, Ziegelstein und Licht, die Lou bekannt gemacht hatten.

Louis Kahns Architektur ist geprägt von intensiver Auseinandersetzung mit der Baugeschichte der griechischen und römischen Antike. Auf Reisen und während Studienaufenthalten skizzierte er archäologische Stätten, entdeckte die Ruine als eine von Putz und Ornamenten befreite zeitlose Form der Architektur und sezierte für seine eigenen Entwürfe einfache geometrische Körper heraus. Kugel, Zylinder und Würfel tauchen als vertraute, technisch und konstruktiv aber radikal neu eingesetzte Motive immer wieder in Kahns Bauten auf. Gerne umgab er seine Bauten mit „umgekehrten“ Ruinen, Wandscheiben und Fragmenten, die wie im Bauprozess erstarrt, den Kern eines Gebäudes schützen. Durch diese Schichten hindurch fällt sorgsam inszeniert das Licht. Zwei Repräsentationsbauten in Asien spiegeln diese Überhöhung nicht frei von Pathos: Im indischen Ahmedabad baute Kahn das Indian Institute of Management (1962–74), in Dhaka das Regierungsviertel mit Parlament von Bangladesch. Beide Gebäude lassen sich als symbolische Zentren gerade erst unabhängig gewordener Länder lesen. In den Regierungssitz in Dhaka fliesst alles ein, was für Kahn Architektur ausmachte: die Verbindung aus Architekturgeschichte und Moderne, aus Religion und weltlichen Elementen, aus Symbolhaftigkeit und einer Architektur für die Menschen, aus Lokaltypischem, Geometrie, Struktur und Licht.

Die berührenden Schlussminuten des Films entstanden im Capital Complex in Dhaka. Die Regierenden von Bangladesch sahen in Kahn nicht nur den Architekten ihres Parlamentsgebäudes, sondern auch den Architekten ihrer noch jungen Demokratie. Die Vollendung dieses Bauwerks sowie die des Indian Institute of Management in Ahmedabad in Indien erlebte Loius Kahn nicht mehr. Er starb einsam, unerkannt und mit einem Berg von Schulden.

 

 

 

James Turrell – Den Himmel auf Erden
Film von Armin Kratzert und Florian Holzherr (2013)

James Turrell zählt zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern. Seit den 1960er Jahren kreist sein gesamtes Schaffen um die (Im-)Materialität und Wahrnehmung von Licht. In raumfüllenden Installationen macht er Licht als künstlerisches Medium sinnlich und mental erlebbar: Turrell flutet begehbare Räume mit Licht und lässt die Qualitäten der Raumwahrnehmung – Farbe und Lichttemperatur – changieren. Die Interaktion mit den Installationen von James Turrell – sanften Farbenmeeren oder intensiv glühenden, manchmal diffus sphärischen Lichtnebeln – führen die Betrachter an die Grenzen der Wahrnehmung. Dieses Gefühl der Unendlichkeit erforscht der Künstler im großen Maßstab auch in seinem Land Art Projekt, dem „Roden Crater“.
In der Wüste Arizonas entsteht seit mehr als 35 Jahren das größte Kunstwerk James Turrells. Aus einem erloschenen Vulkan erwächst eine gigantische Skulptur, die den Himmel, das Licht, Sonne und Sterne in einzigartiger Weise erfahrbar macht. James Turrells Lichtkunst markiert den Gipfel einer Entwicklung, die von der Abstraktion über die Selbstoffenbarung des Lichts bis hin zur Eroberung des kosmischen Raums reicht.

Der Film von Armin Kratzert und Florian Holzherr zeigt eindrucksvoll das epochale Roden-Crater-Projekt sowie weitere Arbeiten James Turrells. Interviews mit dem Künstler selbst, seinen Mitarbeitern, Sammlern und amerikanischen Turrell-Experten geben einen intensiven Einblick in das Schaffen dieses Ausnahmekünstlers.

 

 

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Donnerstag, 2.4.2020

Mythen des Alltags

 

Tag 4 im Superkiosk Superkino …
heute flanieren wir durch die Pariser Geistes- und Gefühlswelt der 60er Jahre, und begegnen drei wichtigen „Influencern” dieser Zeit, deren Analye- und Beschreibungsmethoden, Erzählweisen und Argumentationsmuster einen nachhaltigen Einfluss in ihren jeweiligen Handlungsfeldern hatten – in Kultur- und Gesellschaftskritik, in Narrationsweisen des Films.

Ausgehend von der Entstehungs-Geschichte des Citroen DS treffen wir auf Roland Barthes „Mythen des Alltags”, begegnen „fünfzehn präzisen Fakten”, die Godard zu den Kindern von Marx und Coca Cola im Film „Masculin-Feminin” erzählt und verweilen bei Guy Debords Gesellschaft des Spektakels am Vorabend der 68er Revolten.

Und heut gibt es nicht nur Filme, es gibt auch Bücher zum Blättern, zum Lesen – und für die, die garnicht widerstehen können, sogar zum Download.

 

 

La DS

„Der neue Citroen fällt ganz offenkundig insofern vom Himmel, als er sich zunächst als ein superlativisches Objekt darbietet. Man darf nicht vergessen, dass das Objekt der beste Bote der Übernatur ist: es gibt im Objekt zugleich eine Vollkommenheit und ein Fehlen des Ursprungs, etwas Abgeschlossenes und etwas Glänzendes, eine Umwandlung des Lebens in Materie (die Materie ist magischer als das Leben) und letzlich: ein Schweigen, das der Ordnung des Wunderbaren angehört.

Die „Déesse“ hat alle Wesenszüge (wenigstens beginnt das Publikum sie ihr einmütig zuzuschreiben) eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt herabgestiegen sind, von denen die Neomanie des 18. Jahrhunderts und die unserer Science-Fiction genährt wurden: Die Déesse ist zunächst ein neuer Nautilus. …”

aus Mythen des Alltags von Roland Barthes, 1957

 

 

 

Roland Barthes
Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker

Raphaël Enthoven und Éric Marty im Gespräch über Roland Barthes. – Barthes war ein begrifflicher Abenteurer, ein Monteur – seiner unbekümmerten Kombinatorik im kühnen Hantieren mit den Werkzeugen der seriösen Wissenschaften des Sinnverstehens, versuchen Raphaël Enthoven und Éric Marty in ihrem sportlichen Dialog auf den Grund zu gehen.

Levi-Strauss hat diese Art des wilden Denkens auf den Begriff gebracht und, ganz nebenbei, eine Tiefenstruktur des französischen Habitus erschlossen: die bricolage, die Bastelei – ein dem Konstruktivismus des Ingenieurs kontrastierender Gebrauch von Materialien. Roland Barthes sich als einen Bastler vorzustellen, als jemanden, der aus Überresten des wissenschaftlichen Mainstreams zauberhafte Projekte entstehen lässt, erscheint uns als eine Methode des Entwerfens durchaus vertraut und ungemein reizvoll.

 

 

Mythen des Alltags

 

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Mythen des Alltags
Roland Barthes

Bei „Mythen” denken wir zuallererst an alte Griechen und Römer. Anders Roland Barthes: In jedem Winkel der Alltagswelt findet der französische Philosoph Narrative, die das Konstruierte als naturgegeben darstellen. Moderne Mythen, so Barthes, sollen den Konsum fördern oder das Kleinbürgertum seiner Weltsicht vergewissern. In einer Reihe kurzer Essays seziert Barthes die „Sprache der Massenkultur“ und deren ideologische Aufladung.

Roland Barthes’ „Mythen des Alltags” sind längst selbst zum Mythos geworden. In seinen provokativ-spielerischen Gesellschaftsstudien entschlüsselt er Phänomene wie das Glücksversprechen der Waschmittelwerbung, das Sehnsuchtspotential von Pommes frites und die göttlichen Qualitäten des Citroën DS. Seine radikale Hinterfragung des Alltäglichen ist bis heute von bestechender Aktualität. Die Essays ermuntern dazu, dem scheinbar Selbstverständlichen kritisch gegenüberzutreten und den Blick für mögliche oder wünschenswerte Veränderungen zu schärfen.

 

 

Querverweise und Nachbarschaften

 

 

Masculin – Feminin
oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola (1965)

Jean-Luc Godard

Das Drehbuch basiert lose auf zwei Erzählungen Guy de Maupassants, Le Signe und La Femme de Paul. Mit diesem Film beginnt Godards Interesse am „dialektischen Materialismus“ und an der Politik, allerdings in einem ganz eigenwilligen Sinn: Er wolle nicht „politische Filme“, sondern „politisch Filme machen“. Die Fragmentierung der Geschichte und das „Verweilen bei Randereignissen“, die keinen unmittelbaren Bezug zu ihr hätten, seien als Andeutung verstanden worden, wie schwer es heute sei, Gemeinsamkeit herzustellen. Es scheine, als müsse sich der Einzelne vor den Kräften der Kollektivierung immer weiter in den Privatbereich zurückziehen.

siehe auch: Exkurs Godard

 

 

Die Gesellschaft des Spektakels

 

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Die Gesellschaft des Spektakels
Guy Debord

Die Gesellschaft des Spektakels (La société du Spectacle) ist das 1967 erschienene Hauptwerk des französischen Künstlers und Philosophen Guy Debord. Eine radikale Anklage der modernen Industriegesellschaft, seinerzeit sowohl des Kapitalismus, als auch der realsozialistischen Bürokratie, der Form der Ware und der modernen damit einhergehenden Regierungstechniken. Debord entwickelt in diesem Traktat, ausgehend von Marx Begriff vom Fetischcharakter der Ware, die Kritik einer Gesellschaft, deren warenförmige Beziehungen sich den Individuen stets als Spektakel darstellen. Das Buch hatte großen Einfluss auf die französische Studentenbewegung des Pariser Mai 1968 und erlangte später Kultstatus in Kunst und Subkultur …

aus:
Die Gesellschaft des Spektakels / wikipedia

 

 

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Mittwoch, 1.4.2020


Von der Tücke des Objekts
oder Choreografie durch Architektur

 

Tag 3 unseres Superkiosk Superkino … und dazu noch der 1. April. Aber statt vordergründiger Aprilscherze, nehmen wir unsere Mission ernst … und Humor ist bekanntlich eine ernste Angelegenheit. Insbesondere wenn er aus der Beobachtung der selten spannungsfreien und häufig unfreiwillig komischen Beziehung zwischen Menschen und gestalteten Artefakten entspringt. Von den präzisen und zutiefst humanen Beobachtungen Jacques Tatis zu dem schrägen Blick „von hinten durch die Küche” der Filmemacher Ila Bêka und Louise Lemôine spannen wir einen Bogen von der Nachkriegsmoderne in die Gegenwart …

 

 

 

ReCut: Jacques Tati
Mon Oncle & Playtime
(2017)

In Jacques Tatis Film „Mon Oncle” hat ein Haus die Hauptrolle. Es ist, obwohl von Menschenhand entworfen, ein Gegenspieler der Menschen. Sie haben mit seiner futuristischen Ausstattung zu kämpfen, mit den technischen Erleichterungen, die das Leben schwer machen, vor allem aber müssen sie sich einem autoritären Design unterwerfen, das keine Unordnung duldet. Um in diesem Haus nicht zu stören, müsste der Mensch zum Sofa oder zum Cocktailsessel werden. Selten hat Filmarchitektur eine so entscheidende Rolle eingenommen wie in den Filmen Jacques Tatis. Das production design wie der angelsächsische Ausdruck dafür lautet, hat hier seine eigene Herrschsucht, die Herrschsucht des Designs in der modernen Welt inszeniert.

Für den Regisseur war der Konflikt des Menschen mit der zunehmenden Technisierung eine thematische Obsession. In „Playtime“, einer Satire auf die moderne Großstadt, malte er eine futuristische Vision aus, die ähnlich großartig und zeitlos geriet wie Fritz Langs „Metropolis“ oder Ridley Scotts „Blade Runner“. Für „Playtime“ schuf Tati am südöstlichen Rand von Paris eine gigantische Filmstadt. Eine surreale Utopie der französischen Hauptstadt, mit einem Aufwand der ebenfalls surreal wirkt.

 

 

 

Besuch Haus Lemke von Mies van der Rohe (2016)

Das Haus Lemke an der Oberseestraße 60 im Berliner Ortsteil Alt-Hohenschönhausen ist das letzte von Ludwig Mies van der Rohe entworfene Wohnhaus in Deutschland vor seiner Emigration 1938 in die USA.

Nach wechselvoller Geschichte – unter anderem wurde es als Wachhaus von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit genutzt – wird es heute von einem gemeinnützigen Verein als Ausstellungsort genutzt. Jeden Sonntag gibt es die Führung „Mies verstehen”, die mitunter auch zu heiteren Choreografien führt.

 

 

 

Koolhaas Houselife (2008) Ila Bêka, Louise Lemôine

Das erste Projekt der Reihe Living Architectures, Koolhaas Houselife, stellt eines der Meisterwerke der zeitgenössischen Architektur vor. Der Film führt den Betrachter durch die Erfahrungen und täglichen Aufgaben der Haushälterin, Guadalupe Acedo, und den anderen Personen, die sich um das Gebäude kümmern, in den Alltag des Hauses ein. Scharfsinnig, witzig und berührend.

 

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Dienstag, 31.3.2020

Diesseits / Jenseits
oder auf der Suche nach dem Glück

 

Tag 2 unseres Superkino starten wir mit zwei eher skurrilen Beiträgen als leichtfüssigen Einstieg:
der Suche eines österreichischen Typographen und Grafikdesigners in New York nach den Ursachen des Glücklichseins …

und einem kurzen Besuch in einer Ausstellung mit dem Titel „Supermarket of the Dead” über Papier-Brandopfer in China und den Kult des globalisierten Konsums … und wenn Euch der Name Wolfgang Scheppe begegnet, unbedingt mal schauen, was der sonst noch so gemacht hat!

 

Supermarket of the Dead

 

The Hppy Flm